Gerhard Kienle
Die Medizin im Lebenswerk Rudolf Steiners (1982)[1]
Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit
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Siehe auch:
Karl Ballmer:
Briefwechsel über die motorischen Nerven
Rüdiger Blankertz, Gerhard Kienle und Karl Ballmer Anmerkung zur Biographie Gerhard Kienles
Gerhard Kienle: Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit - Vortrag vom 20. November 1982
Wenn wir von der Forschung in unserer Medizin und von der Vertretung in der Öffentlichkeit sprechen wollen, müssen wir uns zuvor darüber Klarheit verschaffen, welche Rolle die Medizin im Lebenswerk Rudolf Steiners spielt.
Rudolf Steiner entwickelt eine Wissenschaft der geistigen Welt. Die besondere Form dieser Wissenschaft beruht darauf, daß sie in der Sprache und in der Begriffswelt der Gegenwart ausgedrückt und dadurch mit der menschlichen Individualität verbunden wird. Geistige Erlebnisse, die nicht gedanklich durchdrungen sind, würden den Menschen mit dem Tode nicht mehr weiterbegleiten - sie würden für sein Ewiges verloren sein.[2] Die Verbindung der geistigen Wahrnehmungen mit dem so genannten gesunden Menschenverstand bedeutet daher nicht nur eine Kontrollmöglichkeit für den Geistesforscher selbst; diese Verbindung ist vielmehr von zentraler Bedeutung für die menschliche Existenz. Aus diesem Grunde ist es notwendig, die Entwicklung der von Rudolf Steiner gebrauchten Begriffe aus der Geistesgeschichte der Menschheit zu verstehen. Denn von etwa 1916 ab beginnt Rudolf Steiner etwas Neues: Er verwendet die abendländische Begriffswelt nicht mehr nur für die Darstellung geistiger Inhalte, sondern auch für die Rückwirkung der spirituellen Erkenntnisse auf die Wissenschaftsbildung im Sinnesbereich. Diese sinnesgestützte Wissenschaft hat als solche eine grundlegende Bedeutung für die Menschheit. Sie wird nicht etwa durch die Geisteswissenschaft abgelöst, sondern zu ihrer eigentlichen Bestimmung geführt. Diese beiden Gebiete seien jetzt - entsprechend dem Buch Von Seelenrätseln - mit ‹Anthroposophie› und ‹Anthropologie› bezeichnet.[3] Die Anthropologie hat einen selbständigen Eigenwert für die Menschheit und dient nicht etwa als Vorläufer, zur Demonstration, zur Rechtfertigung oder zum Beweis der Anthroposophie.
Rudolf Steiner benützt nicht nur die im Abendland vorhandenen Begriffe, er entwickelt die Begriffswelt eigenständig weiter, um sie für die Geistesforschung geeignet zu machen.
Dabei spricht er sehr früh über medizinische Einzelfragen. Etwa seit dem Jahre 1908 entwickelt Steiner in Anknüpfung an Paracelsus das Konzept der intuitiven Medizin. Er geht dabei von der Weltentwicklung aus. Der Mensch hat Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt aus sich herausgesetzt und aufgrund dieses entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhanges kann das Arzneimittel in der Natur aufgesucht werden. Paracelsus habe diese Beziehungen durch die Metamorphose jener Seelenkräfte, durch die Mann und Frau zusammenfinden, intuitiv erfassen können.[4] Für die gedankliche Durchdringung dieses Gebietes finden wir jetzt bei Rudolf Steiner vier aristotelische Grundprinzipien weiterentwickelt:
- Aristoteles kennt einen Begriff der Entwicklung - und zwar die Bewegung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit - von der Dynamis zur Energeia. Er setzt sich damit gegenüber dem «Früh-Darwinisten» Empedokles ab, für den die Entstehung der Organismen sich dem Zufall verdankt. Dieser Entwicklungsbegriff des Aristoteles vom Samen zur vollentfalteten Pflanze bedeutet eine ewige Wiederkehr. Rudolf Steiner legt diesen Entwicklungsbegriff als eine in Rhythmen verlaufende, aber einmalige qualitative Entwicklung dar. Es ist dies der Schritt vom Saturn zur Sonnen-, Mond- und Erdentwicklung. In diesen Entwicklungsstufen hat der Mensch z. B. die Sinnesorgane ausgebildet: gleichzeitig bilden sich parallel in der Natur Edelsteine. So entspricht das Ohr dem Onyx, das Hautsinnesorgan dem Karneol, das Auge dem Chrysolith, der Geschmack dem Topas und der Geruch dem Jaspis. Auf dieser Parallelität beruht die therapeutische Einsatzmöglichkeit.[5]
- Ein zweiter Schritt ist der aristotelische Ursachenbegriff (Form-, Ziel-, Substanzursache und Ursprung der Bewegungen). Krankheit wird ursächlich zur Individualität (die Aristoteles noch nicht kennt) - und zwar in bezug auf Vergangenheit und Zukunft - in Beziehung gesetzt. Die Weiterentwicklung der aristotelischen Ursachenlehre in die Beziehung von Krankheit und Karma hinein entwickelt Rudolf Steiner in dem Zyklus Offenbarungen des Karma, bei denen der Arzt Dr. Otto Palmer erstmalig anwesend war.[6]
- Ein weiterer Begriff ist der Substanz- oder Materiebegriff in der Antike. Die Antike rätselt darüber, worin die Identität der Dinge im Wandel der Erscheinungen beruhen könne, die sie als Substanz bezeichnet. Man suchte die Substanz teilweise in den vier Elementen, teilweise in Atomen, auf jeden Fall in einem kontinuierlichen Seienden, das von einem Höheren - zum Beispiel von der Seele - eingegliedert werden kann. Mit dem Begriff des Seins und der ausgedehnten Substanz verband Demokrit den Begriff des Nichts, des leeren Raumes, in dem sich Atome bewegen. Werden und Vergehen bezog sich bei Aristoteles nur auf den Umgang mit der Substanz, nicht auf die Substanz selbst. In dem Zyklus Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes[7] zeigt Rudolf Steiner, wie die Materie selbst dem Werden und Vergehen unterliegt.
- Einen breiten Raum nimmt bei Aristoteles und beim mittelalterlichen Aristotelismus das Verhältnis der Seele zum Leib ein. Aristoteles kann zwischen Ätherleib und Astralleib nicht unterscheiden. Für ihn enthält die Seele einen vernunftlosen vegetativen Teil, der die Leiblichkeit gestaltet und durchdringt, und einen vernunftbegabten Teil, der sich dem Geiste nähert. Es ist dies die «Anima forma corporis Theorie», die Thomas von Aquin und Albertus Magnus so tief beschäftigt hat. Albertus Magnus sah oberhalb der Seele den unbewegten Beweger, der die Seele mit dem Leib verbindet und dazu vier Instrumente benötigt: die Gestirnswelt, das Licht, die Planeten und die vier Elemente. Durch die Verbindung der Seele mit der Materie wird diese selbst verändert - und sterblich - und es werden ihr Eigenschaften der Materie imprägniert, wie sie zum Beispiel in körperlichen Trieben zum Ausdruck kommen. Ein Teil der Seele bleibt frei als Verstandesseele und kann sich mit dem Ewigen verbinden - sie wird dadurch unsterblich. Diese relativ strukturarme Anima forma corporis-Theorie erhält durch Rudolf Steiner in seiner Okkulten Physiologie eine unerhörte Weiterentwicklung, wenngleich die aristotelischen Grundelemente noch erkennbar sind.
In diesen drei Zyklen (Offenbarungen des Karma, 1910; Eine okkulte Physiologie, 1911; Welt der Sinne- Welt des Geistes, 1911/12 ), die eine Fülle medizinischer Hinweise enthalten, entfaltet Rudolf Steiner - in Gegenwart der Ärzte Dr. Noll und Dr. Palmer[8] - die Grundzüge dieser intuitiven Medizin.
In dieser Phase tritt Rudolf Steiner nicht in den Streit der Meinungen innerhalb der Medizin - zum Beispiel zwischen Homöopathie, Allopathie und Naturheilkundeverfahren - ein. Er weist immer wieder darauf hin, daß die Geisteswissenschaft lediglich ihre Resultate ohne Polemik hinzustellen habe.[9] Das selbständige Vertreten anthroposophischer Erkenntnisse setzt in diesem Stadium die sichere Handhabung der weiterentwickelten abendländischen Begriffswelt, aber auch die subtile Kenntnis der Errungenschaft der Naturwissenschaft bzw. der naturwissenschaftlichen Medizin voraus.
Eine Änderung ergibt sich mit den Jahren 1916/1917. Rudolf Steiner gelingt ein Durchbruch in seiner geistigen Entwicklung, so daß er die Idee der Dreigliederung des menschlichen Organismus begründen und formulieren kann. Rudolf Steiner entwickelt diese Kraft in der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft.[10] Bereits 1916 wirkt er in bestimmter Weise in die Öffentlichkeit und tritt nun in den Streit der Meinungen ein. Dabei setzt er sich in dem Buch Vom Menschenrätsel kritisch mit der gegenwärtigen Naturwissenschaft auseinander:
Aus der Beobachtung heraus holt die Naturwissenschaft ein Weltbild, das durch seine eigene Wesenheit gar nicht beobachtet werden kann. (…) Wenn der Mensch durch das Licht Farben beobachtet, so steht er einer anderen Welt gegenüber als die ist, welche Newton allein zu beschreiben vermag. Und Goethe beobachtete die wirkliche Welt der Farben. Betritt man aber ein solches Gebiet, sei es das der Farben oder anderer Naturerscheinungen, so bedarf man anderer Ideen als diejenigen sind, die in die «finstere und stumme Welt» des Bildes der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart gezeichnet sind. Mit diesem Bilde ist keine Wirklichkeit gezeichnet, die wahrgenommen werden kann. Die wirkliche Natur enthält eben einfach schon in sich, was in dieses Bild nicht aufgenommen werden kann.[11]
Gleichzeitig verweist Rudolf Steiner auf die Notwendigkeit, sich mit historischen Gestalten wie den philosophischen Vertretern des deutschen Idealismus auseinanderzusetzen:
Auf die Entwickelungskeime, die sich in den Weltanschauungen einer Reihe von Denkern von Fichte bis Hamerling ankündigen, sollte in dieser Schrift hingedeutet werden. Die Betrachtung dieser Keime ruft die Empfindung hervor, daß diese Denker aus einem Quell des geistigen Erlebens schöpfen, aus dem noch vieles fließen kann, was sie noch nicht herausgeholt haben.[12]
Dies sind zwei fundamentale Positionen.
Gegen Ende des Jahres 1916 vertritt Rudolf Steiner in seinen Vorträgen Anthroposophie und akademische Wissenschaften in Zürich zum ersten Mal die Dreigliederung des menschlichen Organismus und zielt dabei auf grundlegende wissenschaftliche Irrtümer ab.[13] Jetzt soll die Wissenschaft selbst verändert werden. In dem Buch Von Seelenrätseln 1917 gibt er die Grenzscheide zwischen Anthropologie und Anthroposophie an, wobei die anthroposophischen Vorstellungen den anthropologischen entsprechen wie Positiv und Negativ einer Photographie.[14]
1920 legt Rudolf Steiner im Ersten Medizinischen Kurs Grundzüge einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Medizin dar. Er bringt nicht nur eine Erweiterung der Ideen und eine Fülle neuer okkulter Tatsachen, sondern zugleich einen Entwurf, wie die Grundpositionen der Medizin als Wissenschaft neu zu gestalten sind.
Ein ganz sicheres Indiz dafür, daß er hier die Entwicklung der Medizin als Wissenschaft meint, ist der Hinweis auf die zu schreibenden Privatdozenten-Dissertationen und auf experimentelle Versuchsanordnungen. Er gibt Hindernisse der gegenwärtigen Wissenschaft für die Fortentwicklung der Medizin als Wissenschaft an. Dazu gehören die Pumpentheorie des Herzens[15], die Theorie der motorischen und sensiblen Nerven[16], die Infektionslehre[17], die rationelle Auffassung des Karzinoms[18], der Psychosen[19] u. a. Was er hier entwickelt, nennt er inspirative Medizin, mit der ein direkter Zusammenhang zwischen Krankheitsprozeß und Naturprozeß aufgesucht wird.
Es sind dabei einige Eigentümlichkeiten zu bemerken. In den Vorträgen vom März 1921 Naturbeobachtung, Experiment, Mathematik und die Erkenntnisstufen der Geistesforschung weist Rudolf Steiner darauf hin, welch außerordentliche Anstrengung es ihn gekostet hat, in diesen Erkenntnisbereich einzudringen:
Ich muß nur noch erwähnen, daß die Schwierigkeit nämlich darin besteht, daß man zunächst immer vor- und zurückgeworfen wird. Dieses wirkliche Fortsetzen ist etwas, wo man schon die innere Kraft sehr zusammenhalten muß, wenn man es zu Wege bringen soll. Man muß tatsächlich sich immer wieder und wieder vornehmen, ich möchte sagen, die Kraft des Vorstellens, des inneren Arbeitens in der Seele an der Liebe zur äußeren Natur zu verstärken, intensiver zu machen. Man merkt, man geht in sich hinein, aber man wird immer wieder zurückgestoßen, und man bekommt eigentlich statt etwas, was ich mit dieser Innenschau bezeichnen möchte, dieses, was nicht richtig ist. Man muß das überwinden, was sich da als ein Zurückschlagen entwickelt.[20]
In den Vorträgen vom Herbst 1920 Grenzen der Naturerkenntnis und ihre Überwindung weist Rudolf Steiner auf den Schulungsweg des Naturwissenschaftlers hin. Er betont dabei, daß die Tatsache des Naturwissenschaftlerseins zu besonderen Bedingungen der okkulten Entwicklung führt.[21] Es ist dies schon sehr eigentümlich und ernst zu nehmen, daß die Art der wissenschaftlichen Betätigung für die okkulte Entwicklung von direkter Bedeutung ist. Rudolf Steiner thematisiert dies auch bereits in dem Kurs Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung vom Januar/Februar 1920 im Zusammenhang mit dem «gesunden Menschenverstand».[22]
Die weitere Entwicklung der anthroposophischen Medizin bei Steiner geht in vier Linien. Es werden die Ärztekurse fortgeführt, dann werden medizinische Gesichtspunkte innerhalb der Mitgliedervorträge thematisiert. Parallel dazu entfaltet Rudolf Steiner eine neue Medizin in den Arbeitervorträgen, und ab 1924 beginnen die esoterischen Unterweisungen für die Mediziner.
Rudolf Steiner drängt auf die Einrichtung von Kliniken,[23] Forschungsstätten,[24] Inauguration einer medizinischen Bewegung mit mindestens 3000 Ärzten[25] und eine öffentliche Propagierung einer neuen medizinischen Methode, die in einem medizinischen Vademekum - zu schreiben von den Ärzten des Klinisch-Therapeutischen Instituts in Stuttgart - dargestellt werden sollte.[26] Als er mit der medizinischen Bewegung nicht weiterkam und das Vademekum nicht geschrieben wurde, begann er mit Dr. lta Wegman das Buch Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, das erst nach seinem Tode erschien.
In der Weihnachtstagung spricht Steiner von einem «anthroposophischen System der Medizin» bzw. von einem «medizinischen System» der Anthroposophie,[27] während er dies noch 1922 als ein «System einer rationellen Medizin» bezeichnet.[28]
Zwischen der Inauguration der Weiterentwicklung der medizinischen Wissenschaften und dem Entschluß, mit dem Buch Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst dieses System selbst zu entwickeln, liegt aber eine dramatische Auseinandersetzung.
Im Herbst 1920 wird ein anthroposophischer Hochschulkurs mit Vorträgen anthroposophischer Wissenschaftler in Dornach veranstaltet. In Band 11 ‹Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft› schreibt Eugen Kolisko folgendes: «Phänomenologische Wissenschaft, Zusammenschau aller Wissenschaften, Wiedereinführen des Menschen in Wissenschaft, das sind drei Grundforderungen anthroposophisch-wissenschaftlichen Strebens. (…) Abstrakte, intellektualistische Wissenschaft und geistlose Kunst lieferte das Gestern, das Morgen soll uns eine Versöhnung geben zwischen Geisteswissenschaft und geistig produktiver Kunst. Die anthroposophischen Hochschulkurse in Dornach sollten diesen Grundforderungen einen lebendigen Inhalt geben.»[29]
Genau zu diesen Vorträgen aber sagt Rudolf Steiner am 28. Februar 1923:
1920 wurde dann jene Vortragsreihe gehalten, von der ich eben gesprochen habe. Sie wurde gehalten auf den Impuls hin, der schon ausging von den mittlerweile in so dankenswerter Weise in die Anthroposophische Gesellschaft eingezogenen Gelehrten. Er wurde auch arrangiert und mit Programm versehen von diesen Gelehrten. Mir wurde das Programm dargeboten. (…) Ich ließ also meinen geistigen Blick schweifen über die Art und Weise, wie diese Innenarchitektur, Plastik und Malerei dem entsprach, was die Redner vom Podium darunter sagten. Und da fand ich - es war ja nicht nötig, den Leuten das damals an die Nase zu binden: Alles dasjenige, was, im besten Sinne des Wortes sei es gesagt, ein anthroposophisches Tableau war, wo aus der Anthroposophie im engsten Sinne heraus gesprochen wurde, es paßte so wunderbar zum Baustil. Für eine ganze Reihe von Vorträgen hatte man aber das Gefühl: Ja, sie dürften eigentlich erst gehalten werden, wenn das Goetheanum einmal dazu gekommen sein wird, eine ganze Reihe von Nebenbauten zu errichten, die in ihrem Baustile wiederum so eingerichtet werden, daß sie stimmen zu diesen Spezialstudien und Spezialbetrachtungen. (…) Und die Aufgabe war da und muß als eine Zukunftsaufgabe dastehen, daß nun, nachdem schon einmal die Wissenschaft hereingeströmt ist - gedankt sei diesem Schicksal selbstverständlich -, sie wiedergeboren werden muß aus der Anthroposophie. Und da hat es keinen Sinn, sich in allerlei wesenlose Polemiken zu verlieren, sondern da ist die Aufgabe vor allen Dingen drängend, die einzelnen Disziplinen aus der Anthroposophie wiederzugebären. Eine Art Surrogat wurde geschaffen in der Zeit, in der man nach Ersatz überhaupt streben mußte.[30]
Im Verlaufe der Mitgliedervorträge 1923 und der Auseinandersetzung im Dreißiger-Kreis äußerte sich Rudolf Steiner noch wesentlich schärfer. Er bezog sich auf die Diskussion zum Atomismus-Streit in der Zeitschrift ‹Die Drei›[31] sowie den Aufsatz ‹Der Wasserstoff› von Pelikan[32] und sagte in der Diskussion des Dreißiger-Kreises gegenüber Dr. Theberat:
Von der Phänomenologie ist bis zum Jahre 1919 überhaupt nicht gesprochen worden. Ich war genötigt, davon zu sprechen, als ich diese Verhältnisse feststellen mußte.[33] Das, was Sie Phänomenologie nennen, haben Sie in die Anthroposophische Gesellschaft hineingetragen. Sie haben mir hier die Führung entwunden, in dem Sie die Gelehrsamkeit hineingetragen haben. Deshalb haben Sie die Verantwortung für die Dinge, die hereingekommen sind. Die Gemeinschaft der Gelehrten hat die Phänomenologie hereingetragen. (…) Nun wird es so dargestellt, als ob ich es hineingetragen hätte. Die Forscher sind es, welche diesen Tatbestand in die Anthroposophie hineingebracht haben. Ich würde es von mir abweisen, für so etwas Verantwortung zu übernehmen wie für diesen Artikel über den Wasserstoff in der ‹Drei›. (…) Heute stehen wir vor der Bescherung. Sie lehnen die Verantwortung ab, in dem Sie sich bloß persönlich rechtfertigen wollen. Wenn Sie Phänomenologie wollen, dürfen Sie nicht philosophieren. Das aber würde bedeuten, die Apparatur schon in eine Richtung zu bringen, die man fruchtbar nennen kann. So haben wir zum Beispiel in Dornach praktische Phänomenologie getrieben, da wir vor die Aufgabe gestellt waren, daß wir in der Arbeit bestimmte Probleme zu lösen hatten. Wir haben doch Farben zustande gebracht, mit denen wir die Kuppel ausmalen konnten. Bisher haben sich diese Farben gehalten. Wir sind eben von einem klar zutage liegenden Gedanken ausgegangen. Wir haben flüssiges Papier gemacht und haben auf flüssiges Papier die Farben aufgetragen. Davon sind wir ausgegangen, Stück für Stück uns vortastend an den Tatsachen. Das war eine Art phänomenologisches Experimentieren. Hier in Stuttgart hat nie der Wille bestanden, in phänomenologischer Weise zu arbeiten, außer im Biologischen Forschungsinstitut, da, wo zwei Versuchsreihen herausgekommen sind, die halten. Wenn Sie sich an diese Methode halten, die herausgewachsen ist aus der Anthroposophie selber, dann werden Sie den Mut nicht zu verlieren brauchen. Aber das Hereintragen der Universitätsmethoden geht nicht. (...) Die Frage ist die: Will sich die Gesellschaft jetzt so einsetzen, daß mir nicht mehr ins Gesicht geschlagen wird durch die Anthroposophische Gesellschaft wie seither? [34]
Rudolf Steiner äußerte sich dann auch in den Mitgliedervorträgen und sagte am 6. Februar 1923:
Diese wissenschaftliche Bewegung, sie hat sich erhoben auf Grundlage dessen, was von der Anthroposophie an Beziehung zur Wissenschaft in der zweiten Phase festgelegt worden ist.[35] Wissenschaftler traten auf. Sie hatten die Aufgabe, gerade dasjenige der neueren Wissenschaft zu geben, was eben von der Anthroposophie aus der neueren Wissenschaft gegeben werden kann. Aber es hätte fortgesetzt werden sollen dasjenige, was von mir angefangen worden ist, an der Hand des Herstellens der Beziehung zur neueren Wissenschaft. (...) Ich bin ausgegangen von dem, wozu die neueren Physiker kommen, ich habe es zunächst nicht verneint, sondern bejaht, ich habe gesagt: Fangen wir da an, wo die Physiker aufhören, dann kommen wir von der Physik in die Anthroposophie hinein. Und so habe ich es für verschiedene andere Gebiete gemacht. Diese Orientierung hätte fortgesetzt werden sollen, dann wäre ein anderes Bild von wissenschaftlicher Tätigkeit in der dritten Phase entstanden, als es entstanden ist. Dann wäre vor allen Dingen nicht das herausgekommen, was von mir schon das letzte Mal eine unfruchtbare Polemik und eine unfruchtbare Diskussion genannt worden ist. (...) Dann würde eine andere Haltung gegenüber der Wissenschaft herauskommen als in einem der letzten Hefte der ‹Drei› herausgekommen ist oder in Anzahlen von Heften, die ich durchnehmen mußte wegen des Vortragszyklus über Naturwissenschaft, den ich letzte Weihnachten in Dornach zu halten hatte. Sie hat mich erschreckt durch die der Anthroposophie ebenso wie der Wissenschaft schädliche Art, sich auseinanderzusetzen mit Wissenschaft und Anthroposophie. Mit dieser unfruchtbaren Polemik der Anthroposophen führt man nur die Anthroposophie einem gewissen Mißkredit entgegen. Damit habe ich nicht bloß eine Kritik geliefert, sondern zugleich angedeutet, was der Wissenschaftler heute innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu tun hat.[36]
Die von Steiner gemeinten Wissenschaftler versuchten, mit Hilfe eines Verfahrens, das sie «Phänomenologie» nannten, die Naturwissenschaft und Medizin unter anthroposophischen Gesichtspunkten zu erneuern. Dieses Verfahren wurde von Rudolf Steiner radikal abgelehnt - es schade der Anthroposophie und der Wissenschaft; man würde ihm damit sogar die Führung der Gesellschaft aus der Hand nehmen, man treibe die Forschung in die Unfruchtbarkeit hinein und betreibe unnötige Polemik, die die Anthroposophie diskriminiere. Diese Phänomenologie bedeute nur das Hereintragen der Universitätsmethoden.
Im «Dreißiger Kreis» sprach Steiner dezidiert über die Medizin und sagte:
Über die Herzkrankheit muß anders gedacht werden. (...) Es handelt sich um den guten Willen, auf dem Gebiet der Medizin umzudenken aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus. Aber weil die ganzen Diskussionen auf tote Geleise geführt werden, so muß ich sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, was geschehen soll, aber ich kann mir vorstellen, daß die Medizin umgedacht werden kann, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist. Vielleicht liegt eine viel größere Notwendigkeit dazu vor, aus der Physiologie heraus zu arbeiten und die Krankheitsbilder physiologisch umzudenken. Das hängt nicht davon ab, ob man die Krankheitsmittel ausgeprobt hat oder nicht. (...) Es handelt sich nicht darum, der Welt bloß Heilmittel zu empfehlen. Ich halte die ‹Heilmittelliste› für das Schädlichste, was hat entstehen können.[37] Es handelt sich darum, die Methode zu vertreten. Alles andere halte ich auch nur wieder für etwas, was uns geschadet hat. (...) Es ist eine Frage des medizinischen Denkens. Die Diskussion soll nicht auf tote Geleise geführt werden. Die Methoden sind von mir genau und ausführlich dargestellt worden.[38]
Wo stehen wir heute? Welcher Irrtum lag denn vor, als man die ‹Phänomenologie› erfand? In welchem Verhältnis steht dazu, was man heute bei uns als ‹Goetheanismus› bezeichnet? Inwieweit betreiben wir denn selbst Opposition gegen Rudolf Steiner? Diese Äußerungen Rudolf Steiners liegen jedem, der sich damit befaßt, schwer auf der Seele. Es gibt noch viele Rätsel, die gelöst werden müssen. Es heißt doch, daß man sich prüfen muß, ob nicht alles, was man selbst gemacht hat, vom Grundsatz her falsch ist. Diese Seelenprüfung rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstbewußtseins. Wie kann man das Infragestellen aller eigenen Leistungen ohne Resignation ertragen? Rudolf Steiner verlangt, daß man die Erkenntnislage der naturwissenschaftlichen Medizin durchschaut, die Irrtümer aufdeckt und neue Konzepte entwickelt. Es müssen die anthropologischen und anthroposophischen Bilder des Menschen entsprechend dem Buch Von Seelenrätseln einander nähergebracht werden. Diese Leistungen zu erbringen, übersteigt den Rahmen unserer Persönlichkeit, man müßte ja Galilei, Paracelsus, Helmholtz und Virchow in einer Person sein! Aber genau dies - und noch mehr - erwartet Rudolf Steiner. Wer die Verhältnisse nüchtern anblickt, sieht sich in einer Zerreißprobe. Lebt man das aus, was man als die gewordene Persönlichkeit eben kann, dann gerät man in Opposition zu Rudolf Steiner, folgt man ihm, muß man über sich hinauswachsen - aber wie? Anthroposophisch-medizinische Forschung und das richtige Vertreten in der Öffentlichkeit gelingt uns doch wohl nur, soweit wir unter Aufbietung aller Anstrengungen die Grenzen unserer Persönlichkeit durchbrechen und den Verhältnissen etwas abringen, was eigentlich nicht geht.
Aus diesen Erwägungen wäre die Konsequenz zu ziehen, daß wir dann, wenn wir meinen, Goetheanismus zu betreiben, die Grundlinien der Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung zur Hand nehmen und damit unser eigenes Vorgehen überprüfen, und daß wir dann, wenn wir wissenschaftlich nicht erfolgreich sind und uns in der Welt nicht durchsetzen, die Hinweise Rudolf Steiners nehmen, um unseren eigenen Widerspruch zu ihm aufzudecken. Vielleicht gelingt es uns so, in der Forschung und in der Öffentlichkeit fruchtbar zu werden.
[1] Stark gekürztes und von Gerhard Kienle selbst nicht mehr überarbeitetes Referat vom 13.11.1982 vor dem Deutschen Mitarbeiterkreis der Anthroposophischen Gesellschaft. Erstpublikation unter dem Titel ‹Anthroposophischmedizinische Forschung und Öffentlichkeit› in den Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland (143 (1983) 15-21). Unveränderter Wiederabdruck in der Zeitschrift Der Merkurstab 4 (2000) 217-220. Die nun vorgelegte Fassung entspricht Gerhard Kienles ursprünglichem Redemanuskript.
[2] Vgl. Rudolf Steiner: Geistige und soziale Wandlungen in der Menscbheitsentwickelung. GA 196. Vortrag vom 18.1.1920. Dort sagte Steiner unter anderem: «Alles, was durch einen Initiierten erkundet wird und mitgeteilt werden kann, ist, wenn man sich nur die nötige Mühe gibt, durch den gewöhnlichen, wirklich richtig gebrauchten Menschenverstand einzusehen. Auch der Initiierte hat die Aufgabe, vor allen Dingen das, was er erkunden kann aus der geistigen Welt, in die Sprache des gesunden Menschenverstandes zu übersetzen. Es hängt viel mehr davon ab, daß diese Übersetzung in die Sprache des gesunden Menschenverstandes richtig ist, als davon, daß man Erfahrungen in der geistigen Welt macht. Natürlich kann man nichts in den gesunden Menschenverstand übertragen, wenn man nicht diese Erfahrungen macht. Aber die unverarbeiteten Erfahrungen, die einfach gewonnen werden, ohne daß man den gesunden Menschenverstand zum Interpreten benützt, sind eigentlich wertlos, haben eigentlich nicht die richtige Bedeutung für das Menschenleben. Wenn noch so viele übersinnliche Erfahrungen gewonnen werden könnten und die Menschen es verschmähen würden, den gesunden Menschenverstand in richtiger Weise anzuwenden, so würden diese Erfahrungen für die Zukunft gar nichts der Menschheit nützen.» (Dornach2 1992, S. 91 f.)
[3] Vgl.: «Ich möchte in dem Folgenden, um fortwährenden langatmigen Umschreibungen zu entgehen, die auf Sinnesbeobachtung und verstandesgemäße Bearbeitung der Sinnesbeobachtung gestützte Wissenschaftsrichtung Anthropologie nennen und bitte den Leser, mir diesen nicht gewöhnlichen Gebrauch dieses Ausdruckes zu gestatten.» (Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln. GA 21. Dornach5 1983, S. 12f.)
[4] Vgl. a. Gerhard Kienle: Die Situation in der Medizin, S. 144 in diesem Band sowie die dort angefügte Anmerkung
[5] Vgl. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium. GA 97, Vortrag vom 13.10.1906
[6] Rudolf Steiner: Die Offenbarungen des Karma. Vorträge vom 16.-28.5.1910 in Hamburg. GA 120. Nach Friedrich Husemann war Otto Palmer bereits Hörer der zwei Jahre zuvor am selben Ort gehaltenen Vorträge über das Johannesevangelium (Mai 1908) und wurde dort von Steiner sehr aufmerksam begrüßt (vgl. Peter Selg (Hg.): Anthroposophische Ärzte. Lebens- und Arbeitswege im 20. Jahrhundert. Dornach 2000, S. 84)
[7] Rudolf Steiner: Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes. Vorträge vom 27.12.1911-1.1.1912 in Hannover. GA 134
[8] Lediglich die Anwesenheit Ludwig Nolls beim Prager Kurs über Okkulte Physiologie konnte bisher dokumentarisch belegt werden
[9] Vgl. z. B. die exemplarischen Aussagen Steiners vom Mai 1910: «Sie wissen ja, daß in den weitesten Kreisen die Diskussion mit ziemlicher Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit wogt, wenn Gesundheits- und Krankheitsfragen in Betracht kommen. Es ist Ihnen ja allen bekannt, wie sehr von seiten der Laien sowohl als auch von seiten dieser oder jener Ärzte Partei ergriffen wird gegen das, was man die wissenschaftliche Medizin nennt. Auf der andern Seite kann leicht bemerkt werden, wie die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin vielleicht gerade herausgefordert werden durch manchen ungerechten Angriff, so daß sie nicht nur in eine Art von Leidenschaftlichkeit verfallen, wenn es sich darum handelt - was ihr gutes Recht ist -, einzutreten für das, was die Wissenschaft dazu zu sagen hat, sondern daß von dieser Seite heute auch ein zum Teil recht arger Kampf geführt wird gegen das, was von andern Gesichtspunkten als den in der offiziellen Medizin vertretenen irgendwie gesagt wird über das in Betracht kommende Gebiet. Theosophie oder Geisteswissenschaft wird nur dann ihren hohen Aufgaben gerecht werden können, wenn sie auf einem solchen, von Diskussionen vielfach verdunkelten Gebiet das unbefangene und objektive Urteil wahrt.» (Rudolf Steiner: Die Offenbarungen des Karma. GA 120. Dornach7 1975, S. 55)
[10] Vgl. diesbezüglich auch Steiners Selbstaussage, derzufolge die Ausformulierung der physiologischen Dreigliederung nicht zuletzt in einem spirituellen Durcharbeiten bzw. «fortwährenden Betrachten und Vergleichen der einschlägigen naturwissenschaftlichen Tatsachen» realiter gelang (Rudolf Steiner: Das Ewige in der Menschenseele. Unsterblichkeit und Freiheit. GA 67. Dornach2 1988, S. 163)
[11] Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel. GA 20. Dornach5 1984, S. 151/153
[13] Kienle bezog sich an dieser Stelle offensichtlich auf vier öffentliche Vorträge Rudolf Steiners, die dieser im November 1917 auf Initiative junger anthroposophischer Akademiker in Zürich gehalten hatte und in deren Verlauf er in seinem dritten Vortrag über ‹Anthroposophie und Naturwissenschaft› auf die physiologische Dreigliederung zu sprechen gekommen war (Rudolf Steiner: Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie. GA 73, Dornach 1987, Vortrag vom 12.11.1917). Die erste Darstellung derselben war acht Monate zuvor in einem öffentlichen Berliner Vortrag vom 15.3.1917 erfolgt (Rudolf Steiner: Geist und Stoff, Leben und Tod. GA 66, Dornach 1988)
[14] Vgl. Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln. GA 21. Dornach 1983, S. 32f.: «Die aus der Anthroposophie hervorgegangene Philosophie über den Menschen wird zwar ein Bild desselben liefern, das mit ganz andern Mitteln gemalt ist als dasjenige, welches die vom Menschen handelnde, aus der Anthropologie hervorgegangene Philosophie gibt; aber die Betrachter der beiden Bilder werden sich mit ihren Vorstellungen in ähnlicher Übereinstimmung befinden können wie das negative Plattenbild des Photographen bei entsprechender Behandlung mit der positiven Photographie.»
[15] Vgl. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin. GA 312, Vortrag vom 22.3.1920
[16] ebd., Vortrag vom 23.3.1920
[17] ebd., Vortrag vom 7.4.1920
[18] ebd., Vorträge vom 2. und 3.4.1920
[19] ebd., Vortrag vom 2.4.1920
[20] Rudolf Steiner: Naturbeobachtung, Experiment, Mathematik und die Erkenntnisstufen der Geistesforschung. GA 324. Dornach3 1991, S. 77
[21] Rudolf Steiner: Grenzen der Naturerkenntnis. GA 322, Dornach 1981, Vortrag vom 3.10.1920
[22] Rudolf Steiner: Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung. GA 196, Dornach 1992, Vortrag vom 18.1.1920
[23] Vgl. z. B. die Aussage Steiners in St. Gallen am 26.10.1916: «Man kann zum Geistesforscher auf medizinischem Gebiete nicht sagen: Hier ist Rhodus, hier tanze -, weil ihm zum Tanzen nicht die Beine freigemacht sind. Gewiß, es werden in anerkennenswerter Weise allerlei Bestrebungen getrieben, welche sich gegen den herrschenden Materialismus in der Medizin auflehnen; aber diese Bestrebungen sind alle ungenügend, weil vor allen Dingen die Einsicht fehlt, daß man nicht bloß der materialistischen Medizin etwas entgegensetzen muß, sondern daß man vor allen Dingen notwendig hat, mit dem zu arbeiten - aber im geisteswissenschaftlichen Sinne! -, was die moderne Medizin sich erworben hat: nämlich die Hilfsmittel, die man gerade auf diesem Gebiete äußerlich braucht. Aber die Menschheit würde sehr erstaunen, was anderes herauskommen würde, wenn man mit geisteswissenschaftlichen Anschauungen heute in die Kliniken, in die Seziersäle treten und in alle anderen Hilfsquellen und Hilfsmittel des medizinischen Betriebes geisteswissenschaftliche Anschauungen hineintragen würde. Aber in dieser Richtung müssen auch die Bestrebungen gehen.» (Rudolf Steiner: Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten. GA 168. Dornach4 1995, S. 165) Im Zürcher Vortrag vom 3.12.1916 hieß es wenige Wochen später ergänzend: «Das [Gebundensein durch den Materialismus] kann nicht dadurch verbessert werden, daß der eine oder andere gewissermaßen dies oder jenes tut, sondern nur dadurch, daß durch einen gemeinsamen Willen einer größeren Anzahl von Menschen wirklich erzwungen wird ein solcher medizinischer Betrieb, der das Eindringen der geistigen Prinzipien in die Medizin möglich macht.» (ebd., S. 202) Bekanntlich beteiligte sich Steiner später selbst aktiv an den Vorbereitungen des Stuttgarter Klinisch-Therapeutischen Institutes, nicht zuletzt durch Besichtigung zahlreicher geeigneter Anwesen («Eine ganze Anzahl von Anwesen, die für eine Klinik in Betracht kommen konnten, wurden, meist auch mit Dr. Steiner, besichtigt, so zum Beispiel ein Sanatorium in Böblingen, die Kuranstalt Katz in Degerloch, das Kurhaus Engelberg bei Schorndorf, ein Schloß bei Hoheneck, unweit Ludwigsburg.» Emil Molt, Erinnerungen. Zit. n. Beiträge zur Rudolf Steiner-Gesamtausgabe, Heft 118/119. Dornach 1997, S.93)
[24] Vgl. die diesbezüglich exemplarischen Aussagen Rudolf Steiners auf der Weihnachtstagung 1923 im Anschluß an die Präsentation der Forschungsarbeiten von Lilly Kolisko (31.12.1923) in Band 1, Anm. 1186. U.a. sagte Steiner dort: «Aber diese Versuche alle, sie sind im Grunde genommen gerade vor dem anthroposophischen Blicke Einzelheiten zu einer Gesamtheit, die eigentlich heute wissenschaftlich so dringend wie möglich gebraucht wird. [...] Man hat gar keine Vorstellung heute, wie tief in alles praktische Leben diese Dinge eingreifen können, eingreifen können in die Erzeugung von den Menschen notwendigen Produkten, eingreifen können aber namentlich in die Heilmethode und ähnliches.» (Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24. GA 260. Dornach 1994,S. 212)
[25] «Machen Sie eine Bewegung unter zweitausend bis dreitausend Ärzten«, antwortete Rudolf Steiner auf die Frage Dr. Otto Palmers nach seiner persönlichen Leitungsaufgabe im Rahmen des Stuttgarter Klinisch-Therapeutischen Instituts (zit. n. Otto Palmer: Ein Dank an Dr. Rudolf Steiner. In: Natura 9 (1927) 274)
[26] «Ich habe von Anfang an, als hier medizinische Betätigungen auftreten sollten, gesagt, es komme nicht darauf an, einzelne Heilmittel anzubieten, sondern eine medizinische Methodik. (…) Dieses, was ich von Anfang an zu Dr. Peipers, was ich von Anfang an zu Dr. Noll gesagt habe, dieses führte dann noch einmal dazu, daß ich zusammenfassend sagte: Dieses Methodische könne am besten durch ein Vademecum der Welt klar gemacht werden.» (Rudolf Steiner: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. GA 259. Dornach 1991, S. 236)
[27] Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24. GA 260, Dornach 1994, S. 57/278
[28] Von der Möglichkeit und Notwendigkeit eines «rationellen Heilwesens» sprach
Rudolf Steiner bereits in seinem ersten Ärztekurs (1. Vortrag, 21.3.1920), später in vielen anderen Zusammenhängen. Der von Kienle genannte Begriff des «Systemes einer rationellen Medizin» konnte dagegen in den Vorträgen des Jahres 1922 bisher nicht als solcher nachgewiesen werden; gleichwohl behandeln die vier grundlegenden Vorträge Steiners vom 26.-28.10.1922 im Stuttgarter Klinisch-Therapeutischen Institut diese zentrale Problematik (vgl. Rudolf Steiner: Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. GA 314)
[29] Zit.n. Lilly Kolisko: Eugen Kolisko. Ein Lebensbild. Gerabronn-Crailsheim 1961, S. 30f.
[30] Rudolf Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. GA 257. Dornach 1974, S. 139f.
[31] Hermann von Baravalle, insbesondere aber Hans Theberat und Franz Halla veröffentlichten 1922 Arbeiten zur anthroposophischen Widerlegung des ‹Atomismus› und nahmen in ihnen Stellung zu den kritischen Einwänden der Physikerin Gabriele Rabel, die in derselben Zeitschrift publiziert wurden (Vgl. Gabriele Rabel: Über die Stellung der Anthroposophie zur Atomtheorie. Die Drei 1 (1922) 1107-1112; 2 (1922) 401-409; 3 (1923) 61-69; vgl. a. die entsprechenden Diskussionen in GA 259)
[32] ‹Der Wasserstoff. Beispiel einer phänomenologischen Betrachtung im Gegensatz zur heute üblichen atomistischen› (Die Drei 2 (1922) 330-350)
[33] Rudolf Steiner nahm hier Bezug auf die vorangehenden Ausführungen von Dr. Hans Theberath, die im Rahmen der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe jedoch nicht abgedruckt wurden.
[34] Rudolf Steiner: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. GA 259, Dornach 1991, S. 242f.
[35] Rudolf Steiner sprach in diesem Vortrag über drei Werdephasen in der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft.
[36] Rudolf Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. GA 257, Dornach4 1989, S.64
[37] Vom Stuttgarter Klinisch-Therapeutischen Institut war zuletzt im Oktober 1922 eine ‹Heilmittelliste› herausgegeben worden (Vgl. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 118/119. Dornach 1997, S. 154)
[38] Rudolf Steiner: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. GA 259, Dornacht 1991, S. 232f. In Kienles Manuskriptfassung geht es an dieser Stelle mit den Worten weiter: „Rudolf Steiner beklagt, daß die Arbeit von Frau Kolisko boykottiert worden sei - er bezeichnet das als eine Obstruktion. Die phänomenologische Arbeitsweise ist jedenfalls etwas, was mit seinen medizinischen Intentionen nicht verträglich ist. Er äußert sich dann noch am 6. Mai 1923 genauer: „[Die Aufgabe der Anthroposophie] muß so aufgefaßt werden, daß sie tatsächlich aus dem Fundamente heraus arbeiten muß, nicht anknüpfen darf an dies und jenes, das nach der einen oder anderen Richtung schon da ist. Es ist eben nichts da und man muß aus dem Fundament heraus das Wesen des Anthroposophischen verstehen. Dann (...) wird man finden, daß (...) die Tatsachen, die gerade durch die Naturwissenschaften vorliegen, überall im höchsten Maße brauchbar sind für anthroposophische Forschung und daß diese Tatsachen der Naturwissenschaft erst ihre richtige Beleuchtung finden durch anthroposophische Forschung. So muß die Situation aufgefaßt werden. Aber dazu ist es notwendig, daß sich wirklich ein gewisser Teil der Menschheit entschließt, den Intellektualismus ins Spirituelle hinüberzuführen. Gewiß, die Menschen, die sich der anthroposophischen Bewegung anschließen, sind ja alle tief erfüllt von einem gewissen Drang und Hang nach der geistigen Welt. Aber die wenigsten lieben es, auch die Ideenwelt der Gegenwart hinüberzuführen ins Spirituelle. Man möchte mit Ausschaltung der Ideenwelt Anthroposophie sozusagen wie einen Gemütstrost in sich aufnehmen." (Rudolf Steiner: Drei Perspektiven der Anthroposophie. GA 225, Dornach2 1990, S. 36)
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