JUDENTUM UND ANTHROPOSOPHIE
Ralf Sonnenbergs »Rezeption« der Anthroposophie und seine Referenzen
[8.Mai 2001]
Inhalt
Zur Zeitlage. 2
Irritationen. 5
Der Salon des Homunkulus, sein Opernglas und die »Bühne des Weltgeschehens«. 8
Der »Schleier des Rätselhaften«. 12
Die Geisteswissenschaft, die Religion, ihre Moral und der Richter 14
Zur veränderten Zeitlage 18
Direkter Download dieses Dokuments
Textauszug:
Anthroposophen werden seit Jahrzehnten von allerlei Plagen heimgesucht. Eine davon ist der Vorwurf des »Antisemitismus« oder auch des »Rassismus«, der von außen und von innen gegen Rudolf Steiner erhoben wird. So wahnsinnig der Vorwurf dem Kenner der Anthroposophie Rudolf Steiners erscheint, so viel Methode scheint in ihm zu stecken. Das zeigt sich am besten in den Schwierigkeiten, diesem Vorwurf von Seiten der Anthroposophen angemessen zu begegnen. Offenbar ist es nicht damit getan, mit einem verquälten »keep smiling« den »wahren Charakter der Anthroposophie« durch andere Zitate und Darstellungen nachzuweisen und die öffentlich inkriminierten Textstellen in den Zusammenhang zurückzustellen, aus dem sie zum Zwecke eines viel tiefer zielenden Angriffes entwendet wurden. Denn die Angreifer haben deutlich gemacht, daß die Anthroposophen sich mitsamt ihren Einrichtungen besser auf eigene Füße stellen sollten. Die fortdauernde »Berufung auf Rudolf Steiner« könne den Verdacht nur bestätigen, daß Steiners »damalige zeitbedingte Befangenheit« in diversen, heute längst ganz »anders zu sehenden« Dingen und Verhältnissen, als dasjenige, was bei die »Judenfrage« sein soll, auf Anthroposophen fatalerweise heute noch zutrifft. Dies sei dem öffentlichen Ansehen der Anthroposophie und der Anthroposophen nicht gerade förderlich. Man müsse ja auch bedenken, daß anthroposophische Institutionen in ganz erheblichem Maße von öffentlichen Geldern unterhalten würden. So gesehen, erhalten die wahnsinnigen Vorwürfe an Rudolf Steiner jenseits der fehlenden Begründung ein bei den öffentlichen Vertretern der Anthroposophie offensichtlich doch beeindruckendes Gewicht. Wie geht man nun mit diesen Angriffen um? Man sollte meinen, daß die vorgebrachte Überzeugung, Steiners Werk sei über solche unqualifizierten Anwürfe erhaben, nun die Grundlage zu der entschiedenen Zurückweisung derselben abgeben müßte. Das Gegenteil ist der Fall.
Unter dem öffentlichen Druck, aber auch aus einem unverhohlenen Streben nach öffentlicher Anerkennung und wissenschaftlicher Reputation, wurde innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und in den anthroposophischen Einrichtungen bereits in den 80er Jahren eine Säuberung eingeleitet, die unerwünschte Elemente entfernen oder sie zumindest weniger sichtbar machen soll. Zwei Gruppen von Anthroposophen hatte man dabei aufs Korn genommen: Die sog. »Revisionisten«, die spätestens nach dem Erscheinen des Buches von Haverbeck[1] öffentliche Aufmerksamkeit erregten, und die »Heiligenverehrer«, die das Werk Rudolf Steiners der staunenden Öffentlichkeit als einen Kanon von ewigen Dogmen präsentieren. Man beruft sich bei der Kampagne gegen »die Revisionisten« zu recht darauf, daß Rudolf Steiner trotz seiner »zeitbedingten Auffassungen« sicherlich nicht ein Adolf Hitler des Geisteslebens sein wollte, wenn auch, was bisher weniger bekannt ist, die katholische Kirche ihn unbedingt auf »Adolf« taufen wollte[2]. »Die Dogmatiker« will man mit dem Hinweis auf die unabdingbare Forderung der Anthroposophie dämpfen, daß es Rudolf Steiner vor allem auf die Entwicklung des eigenständigen Denkens bei seinen Schülern angekommen ist.
Es kann nicht ausbleiben, daß in solchen Auseinandersetzungen, die an die frühe oder Vor-Geschichte der Kirche erinnern, gewisse Fragen verdrängt werden, die sich auf die Wahrheitsfähigkeit aller Beteiligten beziehen. Wer sich nicht einfach dem Mainstream mehr oder weniger blind anvertrauen will, der hat die Sorge, ob nicht in all diesen Auseinandersetzungen das Wesentliche auf allen Seiten bereits verloren gegangen ist. Solche Sorge ist gerade bei den Aufmerksamen nicht gerade selten. Sucht man aber nach Wegen, wie das Wesentliche oder das, was man dafür hält, gerettet oder wieder zur Geltung gebracht werden könne, ergeben sich sogleich erneute Differenzen. Teilweise kommt es zu so seltsamen anglo-indischen Blüten wie der absurden Vorstellung, der Meister selbst würde nun doch noch in physischer Gestalt wiedererscheinen, um dem Streit ein Ende zu machen und die anthroposophische Bewegung in ihre wahre, allgemein anerkannte und deshalb gloriose Zukunft zu führen.
Daß die Sorge berechtigt ist, wird hier nachgewiesen. Was vorgebracht werden soll, wird wohl dem Mißverständnis kaum entgehen, daß es sich um einen weiteren aussichtslosen Versuch handelt, in den Streit der Meinungen »klärend« einzugreifen. Das ist gelassen hinzunehmen, weil es nicht anders sein kann. Denn es kann kaum die Rede davon sein, daß heute die Wahrheit der Anthroposophie Rudolf Steiners das Kriterium für ihre Verteidigung gegen solche Angriffe wäre. Man leugnet heute geradezu, daß die Anthroposophie Rudolf Steiners das Kriterium ihrer Wahrheit in sich selbst trägt. Man fühlt sich unsicher, und sucht die Bestätigung für ihre Wahrheiten dort, wo ein Wahrheitsstreben gar nicht zu finden ist. Anthroposophie hat kein äußeres Kriterium ihrer Wahrheit; sie kann nicht mit anderen Maßstäben als ihrem eigenen gemessen werden. Dies ist nicht bloß die Grundlage der anthroposophischen Pädagogik, innerhalb deren die Wahrheit des Kindes ebenfalls nur an diesem selbst erfaßt werden kann, nicht aber an äußeren Maßstäben erfaßt gemessen werden darf. So wesensfremd und feindlich eine solche Messung dem einzelnen Menschen gegenüber ist, so wesensfremd ist ein äußerer Maßstab der Wahrheit der Anthroposophie Rudolf Steiners.
Gerade die Abwesenheit eines äußeren »Wahrheitskriteriums« kann der Denker als Herausforderung betrachten, der er sich mit Hilfe der Texte Rudolf Steiners denkend zu stellen hat. Wer das ebenso sieht, wird für sich auch hier dasjenige suchen, was ihm diese Herausforderung bewußt macht. Er wird es als Anregung für sein eigenes Bemühen anerkennen können, das sich an der Herausforderung stählen will, statt vor ihr zurückzuweichen.
In diesem Sinne sollen hier einige Bemerkungen zu dem heiklen Thema »Anthroposophie und Judentum« fallen, die sich gegen Versuche richten, den Herausforderungscharakter der Anthroposophie Rudolf Steiners durch ihre Verharmlosung zu verdecken. Nur wenn man entschieden darauf verzichtet, die Anthroposophie Rudolf Steiners ad usum delphini zurechtzustutzen[3] und sie so ihres Wesens und ihrer Wahrheit zu berauben, wird sie dem denkenden Interesse weiterhin das sein können, was sie uns zuerst einmal sein möchte: Eine radikale Infragestellung unserer ganzen gewohnten Art, die Welt und den Menschen anzusehen. Und damit die Aufforderung an uns selbst, auf anderem Wege als dem unfruchtbaren der Diskussion diejenige Anschauung der Welt und des Menschen zu suchen, die dem Bedürfnis des Denkens entsprechen kann, das in der eingehenden Befragung und Infragestellung der zeitbedingten Denkgewohnheiten durch die Texte Rudolf Steiners erweckt werden soll. Daß eine solche Anschauungsart in dem exakten denkenden Nachvollzug der Texte Rudolf Steiners sich in Freiheit erüben, ja sogar ausgebildet werden kann, gehört zum Selbstverständnis der Anthroposophie.
Aber ebenso gehört dazu, daß solche Übung ergänzt werden muß durch eine Betrachtungsart des Weltgeschehens, die sich aus der Befangenheit in den oktroyierten Sichtweisen ebenso befreien will. Denn erst die an Anthroposophie zu erübende unbefangene Anschauung der Weltverhältnisse wird ein Urteil über die letzteren ermöglichen. Hingegen wird ein Urteil über Anthroposophie, das aus der Befangenheit in den Weltverhältnissen heraus sich geltend macht oder sogar geltend machen soll, zur Unwahrheit über beide hinleiten. Von dieser Art Urteil sind die »Verteidiger« der Anthroposophie Rudolf Steiners geprägt. Sie werfen Rudolf Steiner eben die Befangenheit vor, der sie selbst erlegen sind. Aus angeblichen Verteidigern werden so die Vorposten der Angreifer. Am Beispiel der von der Anthroposophischen Gesellschaft geförderten Arbeiten Sonnenbergs werde ich dies nachweisen.
In mehreren anthroposophischen Zeitschriften[4] konnte Sonnenberg Kostproben seiner demnächst über uns kommenden Doktorarbeit veröffentlichen. Um mein Lektüre-Ergebnis vorab mitzuteilen: Die Absicht scheint manchem anständig und ehrenwert zu sein, die Wirkung ist aber verheerend. Hier geht es um den Nachweis, wie abgründig Herr Sonnenberg Anthroposophie mißverstehen will. Er entstellt »die Rolle der Juden« innerhalb der anthroposophischen Bewegung soweit, daß man beide nicht wiedererkennt. Ich betrachte diese meine Bemühungen um ein Verstehen seiner Aussagen und seiner Intentionen als den Versuch, die gegebenen Umstände zu verändern. Ich möchte nicht kritisieren, ich möchte versuchen aufzuzeigen, was Sonnenberg tut. Würde ein Verständnis seiner Aussagen und die seiner Mentoren in der Anthroposophischen Bewegung ernsthaft angestrebt, würde dies die zerstörenden Wirkung derselben, die ohne dieses Streben sich weiterhin auswirken müßten, möglicherweise in eine für alle Beteiligten produktive Wirkung verwandeln.
Ich komme damit zunächst zur Form und dann zum Inhalt der Artikel Sonnenbergs.
JUDENTUM UND ANTHROPOSOPHIE
Ralf Sonnenbergs »Rezeption« der Anthroposophie und seine Referenzen
[8.Mai 2001]
Nach oben 
[1] Werner H. Haverbeck, »Rudolf Steiner Anwalt für Deutschland«, München (Langen/Müller) 1989
[2] Der Taufschein Rudolf Steiners lautet auf »Adolphus Laurentius Steiner«; die Taufe ist nach kanonischem Recht ungültig, da der freigeistige Vater, von der Mutter hintergangen, sie nicht anerkannte.
[3] So geschieht es immer wieder, wenn von wachen Anthroposophen in Zusammenhang mit »fatalen» Themen auf Aussagen Rudolf Steiners hingewiesen wird, die von solcher gar nicht harmlosen Verharmlosungsabsicht nicht verwendbar sind. Ich verweise auf die Unverschämtheit, mit der seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit unangefochten und erfolgreich für die Freiheit der Ärzte eintretende Dr. Karl Buchleitner in der »drei« an der Richtigstellung der Entstellungen seiner Aussagen gehindert wurde und wird, die ihm durch das Redaktionsmitglied Ralf Sonnenberg »zuteil« wurde.
[4] Ralf Sonnenberg: »Rudolf Steiners Beurteilung von Judentum, Zionismus und Antisemitismus -
Fragen, Problemstellungen, künftige Forschungsprojekte« In: Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2000, S. 113 169, und: »Zionismus, Dreigliederungsimpuls und die Zukunft des Judentums Jüdische Rezipienten der Anthroposophie vor dem Holocaust« in: Die Drei, Nr. 1 / 2001
[5] Die Drei, Nr. 1 / 2001, S. 33
[7] Karl König hat sich zur kritisch »Judenfrage« in einem Manuskript geäußert, das derzeit nur von Hand zu Hand kursiert.
[10] Rudolf Steiner »Robert Hamerling: Homunkulus«, in »Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1884 - 1902«, Rudolf-Steiner-Gesamt-Ausgabe Nr. 32, Dornach 1971; S. 145 - 155
[12] Sonnenberg, in »Die Drei etc.« S. 34
[13] Rudolf Steiner, Homunkulus, a.a.O. S. 152
[14] »Die Sehnsucht der Juden nach Palästina«, in: Rudolf Steiner, Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 1901; Rudolf-Steiner-Gesamt-Ausgabe Nr. 31, S. 196 ff, hier S. 197; vgl. auch den Anhang zu diesen Anmerkungen.
[15] Siehe den Anhang: »Rudolf Steiner über das Judentum«
Die neue Fassung der Schrift Ralf Sonnenbergs hier:
«Fehler der Weltgeschichte»:
Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners
Von Ralf Sonnenberg
Weitere Literatur:
Google
„Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“
MANFRED LEIST · LORENZO RAVAGLI · HANS-JÜRGEN BADER „Rassenideale
sind der Niedergang der Menschheit“ ANTHROPOSOPHIE ...
Gerard Kerkvliet: «Gutachten Rudolf Steiner über das Judentum»
http://uncletaz.com/rsjudentum.html
Rudolf Steiner als aktiver Gegner des Antisemitismus:
www.waldorfschule.info/upload/pdf/antisem_kurz.pdf
taz 13.5.2000 Steiner und das Judentum
http://www.taz.de/pt/2000/05/13/a0154.1/textdruck
Karl Ballmer: Zur Judenfrage
www.menschenkunde.com/ballmer/ballmer_judenfrage.html
Nach oben 