«Die Leute möchten Anthroposophie oder so etwas Ähnliches, weil sie der gewöhnlichen Form des Alten überdrüssig sind. So möchten sie etwas Neues haben. Aber dieses Neue soll womöglich nach irgendeiner Richtung hin doch wiederum eingeschleimt werden in alle alten Menschheitsvorurteile. Ich habe viele Leute kennengelernt - es ist nämlich gar nicht unangebracht, sich über diese Dinge gar keiner Täuschung hinzugeben -, die haben wahrgenommen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft etwas Richtiges über das Christentum, über das Mysterium von Golgatha verbreiten will. Aber es gab darunter solche Menschen, denen das nur aus dem Grunde recht war, weil sie dadurch wiederum weniger anstößig wurden in der Kirche, die deshalb die anthroposophische Geisteswissenschaft opportuner gefunden haben als eine andere irgendwie geartete Geisteswissenschaft, die zum Christentum anders steht. Bei ihr handelt es sich allerdings nur um die Wahrheit; aber den Menschen, die das hingenommen haben, hat es sich nicht immer um die Wahrheit gehandelt, sondern oft nur um die Opportunität. Es ist ja natürlich in der Gegenwart unbequem, sich gestehen zu müssen, wie die Vertreter der Bekenntniskirchen es äußerlich mit der Wahrheit nehmen und schließlich ihre Bekennerschaft erst recht. Das färbt auch ab auf die Ungläubigen. Diese kulturhistorische Erscheinung muß durchaus ins Auge gefaßt werden.» Rudolf Steiner am 18. Januar 1920 (GA 196, S. 97)
«Der Christus hat einmal gesagt: «Ich bin bei euch bis ans Ende der Erdentage.» Und er ist nicht bloß als ein Toter, er ist als ein Lebender unter uns und er offenbart sich immer. Und nur diejenigen, die so kurzsichtig sind, daß sie sich vor diesen Offenbarungen fürchten, sagen, man solle bei dem bleiben, was immer gegolten hat. Diejenigen aber, die nicht feige sind, wissen, daß der Christus sich immer offenbart. Deshalb dürfen wir dasjenige, was er als Anthroposophie offenbart, als eine wirkliche Christus-Offenbarung aufnehmen. - Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitgliedern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? - Es ist eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben können, jede Zeile, die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaßen gar nichts anderes. Und derjenige, der nebenbei noch ein besonderes Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der drückt nur naiv aus, daß er eigentlich vermeiden möchte den etwas unbequemen Weg, etwas zu studieren oder etwas zu lesen.» Rudolf Steiner am 6. Juni 1916 (GA 169, S. 44)